|
Hessisches Sozialministerium
Herrn Sozialminister Stefan Grüttner
Dostojewskistraße 4
65187 Wiesbaden
Oberursel, den
8. März 2013
Sehr geehrter Herr Grüttner, sehr
geehrte Damen und Herren,
wir wenden uns mit diesem Brief
heute an Sie, um unsere Bedenken und unserem Unverständnis
hinsichtlich des neuen Kinderförderungsgesetzes Gehör zu
verschaffen. Hierzu kurz ein paar einleitende Worte, um unsere Sorge
zu begründen.
Im Elementarbereich ist das
Versorgungs- und Bindungsbedürfnis bei allen Kindern in den letzten
Jahren enorm gestiegen. Fachkräfte sind für viele Kinder zu
sekundären Bezugspersonen geworden. Diese müssen über hohe
Fachkompetenz und über ausreichend Zeit verfügen, um diesen Bedarf
professionell erfüllen und begleiten zu können. In zu großen
Gruppen ist Fremdbetreuung ein Risikofaktor für die gesunde
Entwicklung der Kinder. Um die physischen, kognitiven und
emotionalen Bedürfnisse von Kindern zu erfüllen, müssen
pädagogische Fachkräfte genügend Energie haben, gut ausgebildet und
unterstützt sein (vgl. Vortrag R. Bowlby am 05.05.2007 in
Frankfurt). Durch das Hessische Kinderförderungsgesetz sehen wir
die Qualitätsmerkmale massiv gefährdet.
Die Gesetzesvorlage wirft für alle
Betroffenen verschiedene Fragen auf.
Für die Fachschulen:
-
Sollen
Fachschulen zukünftig in ihren Lehrplan die Einarbeitung von
fachfremden Angestellten mit aufnehmen?
-
Welchen Anreiz
soll eine Ausbildung zum Erzieher noch haben, wenn man über
viele andere Wege kürzer und mit weniger Anstrengungen ebenfalls
in diesem Beruf arbeiten kann?
-
Wie sollen
Fachschulen Berufspraktikanten betreuen, wenn diese bereits nach
3 Monaten als vollwertige Fachkräfte eingesetzt werden können
und wesentliche Ausbildungsphasen durch die geplante Verkürzung
im Entwurf der neuen AVO ersatzlos gestrichen werden?
-
In welcher
Einrichtung finden die Auszubildenden noch einen
Qualitätsstandard, wie er von der Fachschule gefordert wird,
z.B. ausgebildete Praxisanleitungen mit Vor- und
Nachbereitungszeiten für Praktikanten?
-
Wie soll die
Fachschule noch eine qualitativ hochwertige Ausbildung anbieten
können, wenn in der Praxis bald nur noch nach vorgegebenen
Programmen gearbeitet wird?
-
Wie sollen
bestehende Standards und Konzepte unter den neuen
Voraussetzungen noch umsetzbar bleiben?
Für die pädagogischen Fachkräfte:
· Wie
soll gute pädagogische Arbeit funktionieren, wenn die Vor- und
Nachbereitungszeit nur ungenügend berücksichtigt wird? Die in
Aussicht gestellten 15% sind durch Urlaubstage, Krankheitstage und 3
Tage Fortbildung schon erreicht! (vgl. Prof. Neuß)
· Wie
sollen Fachkräfte immer größer werdende Gruppen betreuen, mit
gleichzeitig wachsender Bedürftigkeit und Unselbstständigkeit der
Kinder?
· Wo
bleibt der Raum für pädagogische Arbeit im Team wie z.B. kollegiale
Beratung und Reflexion, wenn die Zahl der ausgebildeten Pädagogen
immer geringer wird?
· Unserer
Meinung nach wird durch die größer werdende Verantwortung und
Belastung der pädagogischen Fachkräfte die Krankheitsrate ansteigen,
was den Personalmangel zusätzlich verschärft. Wer zahlt den
Ausgleich für Krankheitsfälle?
Für die Kinder:
· Wie
sind die Ziele des Bildungs- und Erziehungsplanes mit dem neuen
Gesetz zu vereinen?
· Wie
soll eine fachfremde Person ein Kind nach
entwicklungspsychologischen Ansätzen beobachten und fördern können?
· Wie
soll es bei erhöhter Gruppenzahl möglich sein, ein Kind dort
abzuholen wo es steht, um Förderbedarf zu erkennen und darauf
eingehen zu können?
· Wie
sollen fachfremde Personen erkennen, wann und wie Kinder aufgrund
von deprivierenden Lebensumständen Hilfe brauchen?
· Welches
Personal soll die wichtigen Übergänge von der Krippe in die Kita
bzw. von der Kita in die Schule/Hort vorbereiten und begleiten, wenn
weniger Fachkräfte zur Verfügung stehen?
· Wie
sollen Kinder eine Bezugsperson in der Erzieherin/dem Erzieher
finden, wenn diese/r immer weniger Zeit für das einzelne Kind hat?
· Wie
soll fachfremdes Personal so grundlegende Dinge wie Resilienz
gezielt fördern?
· Aufgrund
der sich steigernden emotionalen Bedürftigkeit der Kinder können nur
pädagogische Fachkräfte das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz
wahren und das Kind in seiner individuellen Entwicklung adäquat
unterstützen. Soll dies gefährdet werden?
Für Kinder mit
besonderem Förderbedarf
· Bedeutet
der Verweis auf die „Rahmenvereinbarung Integration“ im Entwurf, das
Kommunen und Städte nicht für alle Kinder verantwortlich sind?
· Wo
finden Kinder mit besonderem Förderbedarf ihren Platz in der
Gemeinschaft, wenn Ihnen durch schlechte Rahmenbedingungen im
Vorfeld die Möglichkeit genommen wird?
· Wie
sollen Kinder mit Wahrnehmungssensibilitäten in Einrichtungen
entwicklungsfreundlich begleitet werden, wenn kein Personal
vorhanden ist?
· Sollen
wir deshalb zukünftig Kinder in inklusionsfähig und -unfähig
aussortieren?
·
Wo ist der
Zusammenhang zwischen einer gelungen Inklusion im Vorschulbereich
und der zukünftigen Entwicklung zur Teilhabe?
· Kinder
mit Behinderungen, seelischen Verletzungen oder Verwahrlosung bauen
Blockaden auf und brauchen pädagogische Fachkräfte als Begleiter und
Brückenbauer, um diese zu überwinden. Dies ist eine notwendige
Voraussetzung um Bildungserfahrungen machen zu können. Soll dies
Kindern mit besonderen Bedürfnissen nun verwehrt werden?
Für Krippenkinder
· Können
sich Kleinkinder in Gruppen mit bis zu 16 Kindern beschützt,
aufgehoben und versorgt fühlen?
·
Haben alle
bei einer Gruppengröße von 16 Kindern die Möglichkeit, in der
pädagogischen Fachkraft eine persönliche Bindungsfigur zu finden?
·
Können
Kleinkinder ein angemessenes Nähe-Distanz-Verhältnis erlernen, wenn
diese von Nicht-Fachkräften betreut werden?
·
Wie soll
„Bildung von Anfang an“ ohne pädagogisch ausgebildetes Personal
funktionieren?
·
Sollen
Eltern mit diesem Gesetzentwurf abgeschreckt werden, ihren
Rechtsanspruch einzuklagen?
Für die Eltern:
·
Wie sollen
Eltern bei fachfremdem Personal die Sicherheit und das nötige
Vertrauen finden, welches für eine professionelle Familienbegleitung
notwendig ist?
·
Wie passt
die Begrenzung der Finanzierung auf 42,5 Stunden mit der heutigen
Arbeitsmarksituation zusammen?
·
Soll durch
verkürzte Öffnungszeiten der Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit
erschwert werden?
·
Sollen
Eltern zukünftig in den Einrichtungen auf Beratungs- und
Entwicklungsgespräche verzichten oder sehr lange warten, da es
womöglich nur eine Fachkraft pro Gruppe gibt?
·
Können
Eltern noch ruhigen Gewissens ihre Kinder durch die Kitas betreuen
lassen?
Für die Träger:
·
Wir können
nicht für die Träger und Kommunen sprechen, jedoch fragen wir uns,
auf welcher Grundlage errechnet wird, dass den Trägern mehr Geld zur
Verfügung steht. Natürlich erhöht sich die absolute Summe der
Fördermittel. Dem gegenüber steht jedoch eine deutlich erhöhte
Anzahl von Betreuungsplätzen.
Wer geht im neuen
Kinderförderungsgesetz ganz vergessen?
Die Horte:
·
Wo findet
sich eine konkrete Regelung für Horte und Betreuungszentren?
·
Müssen
Kinder ab dem Schuleintritt nicht mehr pädagogisch betreut werden?
Passend zu diesen Veränderungen soll
für einen Großteil der Studierenden an Fachschulen das
Anerkennungsjahr halbiert werden. Das führt zu deutlichen Einbußen
in der Ausbildungsqualität, so dass die Einrichtungen zukünftig
nicht nur Nicht-Fachkräfte nachqualifizieren müssten, sondern
vermutlich auch fertige pädagogische Fachkräfte.
Der Gesetzesentwurf ist der falsche
Weg, um sinkende Geburtenraten, fehlenden Betreuungsplätzen,
Fachkräftemangel und Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu
begegnen.
„Damit werden politische
Versäumnisse der letzten fünf Jahre
·
auf Kosten
der pädagogischen Qualität in den Kindertagesstätten
·
auf Kosten des
Fachpersonals
·
und auf Kosten der
Eltern und ihrer Kinder
kompensiert“ (Zitat: Prof. Dr. Neuß,
wissenschaftliche Position zum geplanten KiföG in Hessen)
Es wäre aufgrund der
gesellschaftlichen Veränderungen wünschenswert gewesen, einen
Entwurf mit deutlich verbesserten Rahmenbedingungen zu erhalten.
Diese Vorlage wird dem hessischen Bildungs- und Erziehungsplans
nicht gerecht, dessen Inkrafttreten sich in diesem Jahr zum 10. Mal
jährt.
Deswegen reichen wir zusätzlich mit
diesem Schreiben eine Unterschriftenliste von Kritikern des
Kinderförderungsgesetzes ein, die von ErzieherInnen in ihren
Einrichtungen, Studierenden und SchülerInnen in ihren
Praktikumseinrichtung und von Eltern aus den jeweiligen
Kindertageseinrichtungen gesammelt wurden in einem Zeitraum von 2
Wochen.
Bitte bedenken Sie die kritischen
Punkte!
Mit freundlichen Grüßen
für den sozialpädagogische Beirat
der Ketteler-La Roche Schule, Oberursel:
Schulleitung:___________________
Praxisvertretung:___________________
Kollegium:_____________________
Studierendenvertretung______________
Kopien dieses Anschreibens gehen an
die regionale Presse und die jeweiligen Landtags-Abgeordneten aller
Parteien, den Sozialdezernenten des Hochtaunuskreises und der Städte
Bad Homburg und Oberursel
|