Horst Quirmbach

                  Dozent

 

Den Förster, den Fuchs oder den Hasen
treffe ich vielleicht hier, aber ansonsten ist das sicher falsch. Aber halt - Altenhöferweg stimmt doch. Richtig, hier ist es, ganz am Ende des Wegs; Gott sei Dank pünktlich.
Wie das halt so ist, die Abschlussfeier am letzten Schultag hat etwas länger gedauert, man verabschiedet sich noch von den Kolleginnen, ruft hier jemandem noch was zu, da gibt’s noch eine letzte Schüleranekdote. Jetzt aber ins Auto, heiß ist es Ende Juli 2005. Hektisch geht’s durch die Frankfurter Innenstadt, Tempo über die Autobahn.

Meine Berufsschule in Frankfurt Ginnheim bleibt mir ja erhalten, schon fünf Jahre unterrichte ich dort mit einer halben Stelle als Religionslehrer. Gestern rief mich mein Chef aus dem Bistum Limburg an. Der Vertretungsvertrag an meiner zweiten Schule, einem beruflichen Gymnasium in Unterliederbach, wird nicht verlängert, denn die Elternzeit der vertretenen Kollegin läuft ab. Nun ja, denke ich mir – bin ich ja gewöhnt. Als ich 1987 als Pastoralreferent anfing, blieb ich ja auch nicht in einer Gemeinde, sondern zog mehrmals um.
Könnte auch diesmal wieder anstehen, denn, so mein Chef, er wüsste, dass die Ketteler-La-Roche-Schule in Oberursel gerade jemand suchen würde. Dort wäre eine Lehrerin weggegangen, hatte Deutsch und Religion. Prima, sind ja genau meine Fächer.
Ach waren das schöne Zeiten. Mit Germanistik begann ich an der Uni im beschaulichen Freiburg während meiner theologischen Freisemester. Danach gings zurück nach Frankfurt, und ich weiß noch, wie nervös ich war, als die Tür zum Prüfungszimmer aufging. Geht mir immer durch den Kopf, wenn jetzt die Kandidaten zu mir in die Prüfung kommen. Trotzdem: Selige Zeiten damals, viel Geld hatte ich ja nie, aber eine große Lust an meinen Fächern. Und die nötige Muße, die Dinge nicht nur zu lernen, sondern auch zu verstehen. Man wird ja im Laufe der Zeit immer bescheidener – Sokrates lässt grüßen. Die vielen Risse und Lecks, wenn man merkt, wie sicher geglaubte Wahrheiten immer wieder am Riff der Realität auflaufen. Aber das ist das Schöne am Lehrerberuf. Keine Einbahnstraße, sondern ein gemeinsames Ringen um die Wahrheit, die richtigen Antworten. So stelle ich mir das vor. Idealerweise.

Jedenfalls sei das eine tolle Schule, würde mir sicher gefallen. Engagierte Kolleginnen, ebenso engagiert und auch kooperativ die Schulleitung; Schülerinnen, die sich bewusst für diese Ausbildung entschieden hätten und etwas lernen wollten, einen hervorragenden Ruf bei den späteren Arbeitgebern... soll mir hier mein Wechsel schmackhaft gemacht werden oder ist da wirklich etwas dran?
Und nur einen Tag später stehe ich jetzt hier im Hof der „KLR“; wie ruhig, gepflegt. Ganz schön großes Gelände, wo geht’s überhaupt rein? Da drüben das Kloster, wo die Schwestern wohnen, die das Ganze hier aufgebaut haben. Und hier die Kapelle, wo ein Freund von mir in seiner Jugend orgelte. Kleine Welt mal wieder.
So ruhig, so gute Luft. Klar, ist ja direkt am Wald. Erinnert mich an meine Kindheit und Jugend im Westerwald, richtig katholisches Dorf. Kirche gehörte immer dazu, da bin ich groß geworden, da war ich zu Hause, als Messdiener, Gruppenleiter. Später im Bibelkreis, da haben wir natürlich alles Mögliche gemeinsam gelesen und diskutiert, manchmal bis tief in die Nacht.
Ah, da kommt mit jemand entgegen, das könnte... ja das ist die Schulleiterin. Drinnen wartet die Stellvertreterin, ein Herr aus der Verwaltung. Herzliche Atmosphäre. Ausgesprochen freundlich. Zupackend. Entgegenkommend. Interessiert. Tolle Bibliothek, im Haus ein Wasserschaden. Es herrscht trotzdem gute Stimmung. Es wird viel gelacht. Dann werde ich also sieben Stunden unterrichten, Deutsch und Religion. Ja, da bin ich gespannt, ein guter Anfang jedenfalls, ich freue mich drauf.